Nach einer erfolgreichen Saison 2025 mit Honda, in der er fast immer unter den Top 10 war und sich im Vergleich zum Vorjahr deutlich verbessert hat, blickt Luca Marini motiviert auf die MotoGP™-Meisterschaft 2026 und will noch ein Stück weiter nach vorne kommen. Das vergangene Jahr gab ihm wichtige Bestätigung, sowohl hinsichtlich seines Leistungsniveaus als auch der Arbeit, die er mit dem Team geleistet hat, und nun besteht die Herausforderung darin, ein so renommiertes Team wie Tokio wieder an die Spitze zu führen. Dabei ist er sich der Verantwortung, aber auch der Chance, die er hat, bewusst.
Wir hatten die Gelegenheit, mit ihm zu sprechen und jenseits der Ergebnisse und Ranglisten zu erfahren, wie er diesen Sport jeden Tag erlebt: Die mentale Einstellung, die Vorbereitung, die Opfer und der Weg, der ihn von einem rennbegeisterten Jungen zu einem Rennfahrer der höchsten Kategorie gemacht hat. Ein persönlicheres Porträt, das zeigt, was sich hinter dem Helmvisier verbirgt, nachdem die Kameras ausgeschaltet sind. Ausserdem ist für uns bei Dainese natürlich seine Sichtweise auf die Welt von Schutzausrüstung wichtig, die man braucht, um sich bei 300 km/h und mehr wohlzufühlen und unter extremen Bedingungen Höchstleistungen zu bringen.
Luca, was ist deine erste Erinnerung an Motorräder?
„Erinnern kann ich mich auf jeden Fall an eines meiner ersten Male auf einem Minimoto, auch weil ich viele Fotos und Videos habe, die ich mir im Laufe der Zeit immer wieder angesehen habe. Ich hatte ein rotes Minimoto mit Stützrädern und jemand schob mich von hinten an. Ich erinnere mich nicht mehr, ob es mein Vater war oder jemand vom Personal der Rennstrecke in Cattolica. Ich war 4 Jahre alt.“
Wer hat dich in deiner Kindheit und Jugend am meisten beeinflusst?
„Mein Bruder Valentino hat mich bei meiner Entwicklung zum Rennfahrer auf jeden Fall beeinflusst. Ich habe viele seiner Siege aus der Box miterlebt, gesehen, wie er gearbeitet hat, und bewundert, wie viel Spaß er dabei hatte. Als ich noch kleiner war, war mein Vater sicherlich mein größtes Vorbild. Er begleitete mich zu den Minimoto-Rennen und unterstützte mich immer in jeder Situation, bis ich schließlich selbstständig wurde.“
Wenn du kein Rennfahrer geworden wärst, was wärst du dann heute?
„Ich denke, ich wäre auf jeden Fall Sportler geworden: Ich liebe alle Sportarten, denn ich glaube, sie vermitteln wichtige Werte, die im Alltag nützlich sind und einem helfen, jede Herausforderung optimal anzugehen. Außerdem liebe ich den Wettkampf und die tägliche Hingabe, die man braucht, um Profisportler zu sein, die Arbeit hinter den Kulissen, die man zu Hause macht und die man im Fernsehen oder in den sozialen Medien nicht sieht.“
Wann hattest du zum ersten Mal den Wunsch, Rennfahrer zu deinem Beruf zu machen?
„Mir wurde mit 14 Jahren klar, dass ich genau das wollte.“ Bis dahin war alles nur ein Spiel, mir gefiel das Geschwindigkeitsgefühl, deshalb mochte ich das Motorrad, aber als Kind dachte ich nur daran, Spaß zu haben. Dann kam der Moment, als ich mit dem Training beginnen musste, genauer gesagt mit 14 Jahren. Da wurde mir klar, dass ich andere Hobbys wie Fußball und Tennis, andere Sportarten, die ich mag, aufgeben musste.
Wenn man als Profi anfängt, träumt man nicht sofort davon, in die MotoGP zu kommen. Ich habe nie wirklich darüber nachgedacht, sondern habe mich Schritt für Schritt hochgearbeitet. Zuerst fährt man die italienische Meisterschaft und konzentriert sich darauf, diese zu gewinnen. Dann schaut man von Jahr zu Jahr, was passiert, ob man das Motorrad oder die Kategorie wechseln soll. Als junger Mensch lebt man in einer Phase ständiger Veränderung.“
Welche Tipps würdest du jemandem geben, der Rennfahrer werden will?
„Zuerst sollte man sich klar machen, ob es wirklich das ist, was man will, denn oft sind es die Eltern, die ihre Kinder zu bestimmten Dingen drängen, und als Kind ist man sich nicht immer ganz im Klaren darüber, was man will oder was um einen herum passiert. Wenn man sich seiner Sache sicher ist, was in vielen Fällen der Fall ist, sollte man sich mit Leuten umgeben, die einem helfen, schneller und besser zu werden, zum Beispiel mit den Eltern, einem Fitnesstrainer, einem Mechaniker oder den Leuten, die einen zu den Wettkämpfen begleiten.
Außerdem hilft es, sich von nahestehenden, älteren Leuten mit Erfahrung beraten zu lassen, die schon mehr Lebenserfahrung haben und dir den richtigen Weg weisen können. Man muss sich die Menschen, mit denen man sich umgibt, genau aussuchen, und genau das ist meiner Meinung nach das Schwierigste.“
Was war die wichtigste Lektion, die du bisher in deiner Karriere gelernt hast?
„Ich hab gelernt, dass man immer freundlich zu anderen sein muss, denn wenn man das ist, bekommt man immer etwas Gutes zurück.“
Was machst du vor dem Rennen? Hast du irgendwelche Rituale, um dich innerlich auf den Wettkampf vorzubereiten?
„Ich mach nichts Besonderes, ich bin einfach gern allein, konzentriere mich und abhängig von der Situation, meiner Startposition und ob ich in Wettkampstimmung bin oder nicht, fühle ich mich unterschiedlich, aber ich versuch immer, das gleiche Konzentrationsniveau zu erreichen. Es gibt also keine festgelegte Routine, außer den letzten Minuten, in denen ich gerne alleine bin, zumindest in der Startaufstellung, um mich voll konzentrieren zu können.“
Anders als in vielen anderen Fällen trainiert ihr, du und die anderen Fahrer der VR46 Academy, zusammen und tretet dann auf der Rennstrecke gegeneinander an. Wie ist es, gegen seine Trainingspartner anzutreten? Und gegen deinen Bruder?
„Für mich ist es ein großer Unterschied, ob ich gegen sie oder gegen jemand anderen antrete. Natürlich versucht man immer, jeden zu schlagen, aber es ist nicht dasselbe. Insbesondere mit Valentino hatten wir 2021 ein paar spannende Duelle, und ich glaube, ich konnte ihm dabei ein paar Geheimnisse abluchsen, aber ich denke, dass diese Situation sowohl für ihn als auch für die anderen Fahrer der Academy etwas schwierig ist. Wenn man überholt, macht man das so sicher wie möglich, führt das Manöver am richtigen Ort und zum richtigen Zeitpunkt durch und achtet dabei darauf, niemanden zu gefährden.
Reden wir jetzt ein bisschen über deine Kleidung und das Thema Sicherheit, das besonders wichtig ist, wenn man bedenkt, wie schnell ihr auf der Rennstrecke unterwegs seid und welche Risiken dabei bestehen. Wenn du mit nur einem Fingerschnips Perfektion erreichen könntest, was würdest du bei der Schutzausrüstung verbessern?
„Bei der Weiterentwicklung der Schutzausrüstung sollte es darum gehen, sie leichter und bequemer zu machen, ohne dabei die aktuellen Sicherheitsstandards zu vernachlässigen. Ich finde das heutige Sicherheitsniveau auf jeden Fall unglaublich gut.“
Wie kannst du dich bei 300 km/h sicher fühlen? Hast du denn nie Angst?
„Wenn man auf der Geraden mit Vollgas fährt, denkt man nicht darüber nach, ob man sicher ist oder nicht, sondern versucht einfach, die bestmögliche Leistung zu erbringen und die bestmögliche Performance zu erzielen.“ Gleichzeitig weiß man unbewusst, dass man geschützt ist, das Gehirn weiß, dass dieser Aspekt der Vorbereitung gesichert ist, und denkt nicht mehr darüber nach, sondern kann sich auf andere Dinge konzentrieren.
Was dachtest du, als du zum ersten Mal von einem Airbag im Motorradanzug gehört hast?
„Ich erinnere mich noch gut an die Anfänge von D-air® von Dainese. Ich fand, dass es eine super Erfindung war und dass man es unbedingt weiterentwickeln sollte. Es war von Anfang an klar, dass das die Zukunft des Motorradschutzes sein würde.“
Manche meinen, der Airbag sei wie ein Helm, auf den man nicht mehr verzichten kann, wenn man sich erst mal daran gewöhnt hat. Was denkst du darüber?
„Ich stimme zu: wenn man sich erst einmal daran gewöhnt hat, fühlt man sich irgendwie nackt, wenn man es auszieht. Es macht einen großen Unterschied in Bezug auf die Gefahreneinschätzung, und genau das ermöglicht es uns, immer schneller zu fahren. Wir fühlen uns immer sicherer, die Grenze scheint immer weiter entfernt zu sein, und selbst wenn man stürzt, ist die Sicherheit, außer bei unvorhergesehenen Ereignissen, immer rundum gewährleistet.“
Hast du neben Motorrädern noch andere Hobbys?
„Der Druck, den das Motorradfahren auf diesem Niveau mit sich bringt, ist schwer vorstellbar, bis man selbst dabei ist. Ich hätte mir das selbst auch nicht vorstellen können. Wenn du dann endlich zu Hause ist, will man vor allem Ruhe und Gelassenheit, und manchmal heißt das einfach, nichts zu tun, zu Hause zu bleiben, sich um die Familie zu kümmern und mit den Menschen Zeit zu verbringen, mit denen man sich wohlfühlt. Ich liebe Videospiele, das ist etwas, das mich entspannt und das man zu Hause machen kann.“
Was ist dein nächstes Ziel?
„Ein MotoGP-Rennen mit Honda gewinnen und mich sowohl auf der Rennstrecke als auch außerhalb weiter verbessern, als Rennfahrer und als Mensch.“