Von Lorenzo Cutrera
Mailand, 4. Dezember 2024. 19:15 Uhr. Es ist kalt, aber nicht zu kalt, um zu Hause zu bleiben. Es ist diese Art von Kälte, die alle Geräusche dumpfer wirken lässt. Unter der notdürftig geschlossenen Jacke verstummen sie ganz.
Ich habe eine Verabredung. Ein Kino, ein Mädchen, ein Abend unter der Woche. Ich gehe hinunter in die Garage. Das Motorrad steht da. Wartet. Auf dem Regal: zwei Helme. Meiner: ein Sporthelm, mit Venom darauf. Und der AGV meines Vaters mit Airbrush-Design von Ducati. Rot, weiß und schwarz. Bequemer. Leiser. Abgenutzter. Ohne darüber nachzudenken, schnappe ich mir seinen. Setze ihn auf. Und fahre los.
Die Strecke kenne ich. Centrale, Ghisolfa, Piazza Firenze. Die Stadt zieht unauffällig an mir vorbei. Die Ampeln scheinen langsamer zu schalten, um mich vorbeizulassen. Mein warmer Atem sammelt sich im Helm. Meine Hände spüren das Metall des Lenkers. Ich rase nicht. Ich fahre einfach. Es ist ein zeitloser Augenblick, einer von denen, in denen das Leben schwerelos scheint. Wo noch nichts wehtut.
Ich komme in die via Gallarate. Eine Straße wie jede andere. Eine Kreuzung. Nichts Besonderes. Dann, ein schwarzes Auto. Schneidet mir den Weg ab. Ich fahre zur Seite. Möchte ausweichen. Aber das Motorrad verliert den Halt. Gerät auf den Gehsteig. Durchbricht die Auslage eines Ladens, der gerade schließen wollte.
Ich werde abgeworfen. In das Geschäft komme ich gar nicht hinein. Etwas bremst mich vorher ab. Dann wird es dunkel. Die Zeit bleibt stehen. Man hat mich dort gefunden. Gebrochene Nase. Gebrochene Rippen. Ich habe nicht geatmet. Der Helm hat standgehalten. Ich nicht.
Als ich die Augen wieder öffnete, war alles weiß. Plastik, Maschinen, gleichmäßige Geräusche.
Ich werde Tage brauchen, um zu begreifen, dass ich lebe. Mehr als eineinhalb Monate im Koma. Mein Körper hat gekämpft, während ich weg war.
Meine Stimme klingt roboterhaft. Das Erste, was ich sage, ist: „Wo bin ich?“ Ich wusste es wirklich nicht. Weder wo ich war. Noch, was aus mir geworden war.
Der Helm. Später sagte man mir mit chirurgischer Präzision: „Mit einem
anderen Helm wärst du auf der Stelle tot gewesen.“ Und ich wusste es. Ich fühlte es am Körper, in der Brust, in den Händen, die zitterten, als ich darüber nachdachte. Der Helm, den ich trug, war kein Sporthelm, es war ein Sport-Touring-Helm. Aber er war der Richtige.
Der AGV meines Vaters. Rot. Weiß. Schwarz. Mit Airbrush-Design von Ducati, wie mein Motorrad. Weicher, rebellischer. Aber stärker als ich. Er hat alles abgefedert. Den Aufprall. Das Schicksal. Den schlimmsten Teil des Sturzes. Meiner, mit Venom drauf, war dort geblieben, auf dem Regal.
Sportlich. Schön. Nutzlos, an jenem Abend.
Ich bin langsam zurückgekehrt. Vom Dunkel ins Licht. Von der Unbeweglichkeit zum Atem. Von der Bewusstlosigkeit zum
Denken. Gehen, Reden, Erinnern sind zu neuen Verben geworden. Jede Geste wiedererobert. Jeder Tag abgetrotzt. Mein Vater schlief im Auto vor dem Krankenhaus. Meine Mutter hielt meine Hand, auch wenn ich sie nicht drückte. Ich habe nichts Heldenhaftes getan. Ich bin nur wieder auf die Beine gekommen.
Aber ich weiß, dass der Helm, der meinem Vater gehörte, für mich entschieden hat. Er diente als Barriere. Als Schatten. Als stilles Vermächtnis. Heute, jedes Mal, wenn ich ihn ansehe, fühle ich keine Nostalgie. Ich fühle Respekt.
Denn an jenem Abend in Mailand war es keine Geste, die mich gerettet hat. Es war eine Entscheidung, die belanglos schien. Stattdessen ging es um Leben und Tod.
Mailand. 4. Dezember 2024 19:15 Uhr. Ich starte das Motorrad. Ich fahre aus der Garage. Der
falsche Helm rettet mir das Leben. Der richtige Helm hätte mich vielleicht im Stich gelassen.